Das war unsere Liebeserklärung

Ein User namens ‘klappergaul’ berichtet in dem deutschen Knabenliebhaber-Forum ‘Jungsforum’ von seinen intimen Erlebnissen mit drei Erwachsenen im Laufe seiner Kindheit und Jugend.

Hier also einige der zugesagten Erinnerungen mit begehrenden Männern.

Einige erste Erfahrungen als kleineres Kind gingen nicht sehr in die Tiefe.

Als Achteinhalbjähriger wohnte ich alleine auf dem Land, wurde von meinem Vater jede zwei Wochen besucht. Ansonsten schrieb er mir jede drei Tage, meine Mutter in längeren Abständen. Es gab politische Sicherheitsgründe für mein “Leben im Beinah-Exil”. Ich war Gast einfacher Leute, spielte mit den dortigen Kindern, besuchte nicht die Schule, bekam stattdessen weiter Privatunterricht. Ich war von einem anderen Stern, wurde aber akzeptiert.

Ein Lehrer von damals 39 Jahren machte mir süße Augen. Er war mir nicht unsympathisch, ich fand ihn nur etwas ungelenk, hölzern. Er war anderer Muttersprache, muß man bedenken, anderer Religion, kleidete sich so wie dort üblich, mir aber etwas fremd, sprach mit mir nicht über mein Herkommen, was mich etwas verschnupfte.

Wir lernten miteinander auch Latein. Anfangs wollte er dabei Elementares durchgehen, was mich gekränkt hatte. Ich konnte viel viel mehr, als er zunächst für möglich hatte halten wollen. Kurzum, sehr warm waren wir uns nicht.

Eines Tages, in September, las er mir aus den Tagebüchern eines Dichters des 19. Jahrhunderts vor, mich jedoch dabei immer wieder “bedeutelnd” anblickend.

Ich unterbrach (es ist nicht nur eine Rekonstruktion aus dem – wie immer und überall – unzuverlässigen Gedächtnis, sondern auch aus einer anderen Sprache als Deutsch):

“Sie machen mir süße Augen!”

“Wie, ‘süße Augen’, was denn…!”

“Wie ein verliebter Fisch!”

“Ein ‘verliebter Fisch’! Was soll das sein? Hab’ noch nie gehört!”

“Doch! Gerade eben. Gekochter Fisch, wenn Ihnen lieber…”

“Gekochter Fisch! Gekochter Fisch! Willst mich fertig machen?”

“Nö, Sie gekochter Fisch!”

Lachen beide, Verlegenheit, Schweigen…

“Bin nicht gerne hier… Wäre lieber zuhause.”

“Ich weiß.”

“Was, (nachäffend und leicht näselnd) ‘Ich weiß, ich weiß’! Was weiß Du schon, ‘Lehrer’!”

“Doch, sicher, ich weiß!”

“Und wieso sprichst Du mit mir nicht darüber?”

“Weiß nicht…”

“Bravo! Super!”

“Jetzt sind wir also beim ‘Du’!”

“Sind wir!”

“Sag mal, wie bist denn heute drauf?”

Schulternzucken, Glucksen, dann:

“Süße Augen bringen nichts…!”

Schweigen.

“Wir könnten Deinen Aufsatz durchgehen…”

“Nö.”

“Geographie?”

“Nö.”

“Langsam gehst mir wirklich auf die Nerven!”

Schulternzucken. Längeres Schweigen.

“Ich mach’ Dir ‘süße Augen’, weil ich Dich mag…!”

“So so…”

“Doch! Ich mag Dich!”

“Ach ja?”

“Will [sic!] soll ich das denn zeigen!?”

Längerer Blick von mir, dann:

“Wenn Du willst, und wenn ich will, vielleicht dann…”

“Was ‘vielleicht’?”

“Vielleicht dann, eben! Vielleicht Freund, eben!”

Langes Schweigen.

Das war unsere Liebeserklärung. Noch an dem Nachmittag hat er mich geküßt. Man sollte in keiner guten Küche gekochten Fisch verachten.

Was so “zofferig” anfing, geriet sehr zärtlich. Die zweieinhalb Jahre mit uns gemeinsam, bevor der Wind der Politik mich erneut fort- und fortwehte, haben mich stark und tief geprägt. Erst mit ihm hab’ ich gelernt, nicht nur als Kind auch schwach und ganz und gar albern sein zu dürfen, sondern sogar als “Mann”. Und zum ersten mal in meinem Leben hab’ ich gelernt, wie viel ich auch einem Nicht-Verwandten geben konnte, wie viel Nähe bei so großer kultureller Verschiedenheit möglich ist. Nicht meine Begriffe von damals, wohl jedoch die damaligen Erlebnisse aus erster Quelle. Lange danach, nach dem Krieg, floh der ehemalige Lehrer mit falschen Papieren zu Verwandten in Australien. Er schrieb mir mehrmals, bis zu seinem tödlichen Autounfall in den Sechzigern. Er schrieb: “Es war sehr schön mit Dir, Tadi… Es war so schön…”

Als er starb, schickte mir seine Frau meine Briefe und Fotos mit einem zärtlich-traurigen Brief zurück.

Er hatte alles aufbewahrt.

Für heute dann nur noch der Dritte und Vierte. Der Zweite ist mir so intim in Erinnerung, daß ich nicht weiß, ob ich je darüber schreibe…

Den Dritten nenn’ ich hier Sanjo. Sanjo war Ordensmann eines ihm ungeliebten Ordens. Er unterrichtete Französisch in einem Elite-Internat in einem anderen Land, in dem unter anderem auch einige Priester Lehrer waren; Priester, welche der Kirche wegen Unbotmäßigkeit unangenehm aufgefallen waren, die sie dort abgeschoben hatte. (Der Direktor war ulkigerweise ein Japaner, den wiederum Japan nicht haben wollte!) Er machte mir penetrant den Hof, auf einer mir zu klebrigen, zu süßlichen, zu klammernden Art. Er war intelligent, sehr gebildet, sehr selbstmitleidig. Nicht nur erzählte er mir von André Gide und Paul Claudel, nicht nur las er mit mir Rimbaud, nicht nur verriet er mir, daß er “eigentlich” jüdischer Abstammung sei; nein, er “verriet” mir auch Dinge, von denen ich nichts wissen wollte, zum Beispiel, daß er seine Unterhosen selber wusch, damit das Hauspersonal die Spermaflecken nicht registrierte…

Kurzum, er ging mir auf den Geist!

So sehr er mir näher sein wollte, so sehr hielt ich ihn ausnahmslos auf Distanz.

Der arme Mann ist nie vollständig darüber hinweggekommen, und noch heute bedrückt mich dies etwas. Doch ging es nicht anders. Sanjo trof allzu sehr vor Klebrigkeit, und das konnte ich nun mal wirklich nicht ab. Noch heute, wenn ich Französisch spreche, kehrt meine Erinnerung auf seine unglückliche leider nur anschmachtende Liebe, ich wüßte nicht, wie ich hätte es anders machen sollen…

Mit ihm zusammen gab’s im Lehrerkollegium auch “Arrigo”. Arrigo unterrichtete Philosophie (wir hatten sie ab der siebten Klasse!) und, als Wahlfach (von mir gewählt und heißgeliebt!), mit dabei Cineastik.

Arrigo ist nach meinem Vater, und noch vor meinem hier so oft phantasieangereichert bespöttelten und gemochten Onkel Ferid, derjenige Mann, der die meisten Spuren in meiner Seele bei meinem Heranwachsen hinterlassen hat. Er war relativ klein, sehr zartgliedrig, sehr leise, völlig unsportlich, jeder Kampfkunst abhold. Ordensmann eines sehr prestigeträchtigen Ordens, war er sehr oft zum Verlassen jenen gedrängt worden, was er dann erst recht, aus purem Daffke, seinen Widersachern nicht hatte gönnen wollen. Er trug eine zartgliedrige Brille mit schwarzem metallenem Rand. Wenn er sie absetzte, und das tat er oft, sah ich ihre Abdrücke an der Nasenwurzel. Er rieb daran beim Nachdenken mit der linken Hand, hielt dabei lässig die Gläser an einem Bügelende zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand mit einer beinah tänzerischen Geste, die mich faszinierte und antörnte, ob ihrer Leichtigkeit und Halbmanieriertheit. Er widmete mir jede Zeit, die er konnte. Seine Augen blitzen immer für eine Minisekunde auf, wenn er mich sah. Er erzählte mir von den Vorsokratikern und von den Gesetzen des Stummfilms, von Ockams Rasiermesser und den Aporien (= in etwa “Widersprüche” und “unerlösbare Spannungen”) der Repräsantionslehre, von Kameraführung und Charakteren von Regisseuren, von den Einsichten und Mißverständnissen eines gewissen Karl Marx, antisemitischen Juden. Ich erzählte ihm von China und der chinesischen Schrift, von meinem Vater und meiner Cousine, las ihm als im Leben einzigen manch eigenes Gedicht vor. Ich streichelte ihm die Augenbrauen, er schnurrte dabei fast unhörbar wie ein halbwüchsiger gespielesuchender Kater. Er lächelte so fein wie eine Bleistiftzeichnung; brachte Einwände ins Spiel so gewitzt, wie Kartenspieler ihre Damen & Könige; betrachtete mich mit halbgeschlossenen gaucklerischen Augen. Wir haben die Welt des Geschlechtes so akribisch und hingebungsvoll und selig erkundet, wie mein Vater die Ebenen des südlichen China. Wir haben nackig stundenlag nur halbwachend beieinander gelegen, wie betörte verträumte vernarrte Verliebte es nur können.

klappergaul