Für meinen Sohn ist er der beste Freund

Bei diesem Bericht handelt sich um ein Interview, das der Autor Wolf Vogel, mit der Mutter eines Jungen geführt hat. Die Mutter hat die Beziehung ihres Sohnes zu einem erwachsenen Mann jahrelang aufmerksam beobachtet.

In dem folgenden Interview berichtet eine Mutter von der Liebesbeziehung ihres Sohnes zu einem Mann, die sie jahrelang aufmerksam beobachtet hat. Die Familie lebt in einer süddeutschen Großstadt.


Frage: Ihr Sohn Tobias hat, seit er zwölf Jahre alt ist, eine Liebesbeziehung mit dem 35jährigen Jean-Claude. Wann haben Sie den Liebhaber Ihres Kindes zum ersten Mal kennengelernt?
Mutter: Direkt im Anschluß, nachdem mein Sohn ihn kennengelernt hatte. Tobias spielte auf dem Bolzplatz mit anderen Jungen Fußball und verletzte sich dabei so sehr, daß er blutete. Jean-Claude hatte den Buben wohl beim Spielen zugesehen und holte aus seinem Auto einen Verbandskasten, um Tobias zu verbinden. Anschließend brachte er mein Kind mit dem Auto zu mir nach Hause. Ich lud den Mann aus Dankbarkeit zu einer Tasse Kaffee ein, wir plauderten ein wenig, und als sich Jean-Claude verabschiedete, dachte ich natürlich nicht daran, daß sich aus dem Vorfall auf dem Bolzplatz eine regelrechte Freundschaft zwischen Jean-Claude und Tobias entwickeln würde.

Frage: Wann haben Sie denn geahnt oder erfahren, daß die Begegnung zwischen Ihrem Sohn und dem fremden Mann nicht einmalig blieb?
Mutter: Zunächst habe ich davon weder etwas geahnt noch erfahren. Erst als Tobias viele Wochen später darum bat, Jean-Claude wieder einmal zu uns einladen zu dürfen, wurde mir bewußt, daß sich die beiden wohl weiterhin getroffen hatten. Mir kam das etwas seltsam vor, denn im allgemeinen ist es ja recht selten, daß das eigene Kind einen fremden Erwachsenen mit nach Hause bringt.

Frage: Haben Sie dabei auch den Gedanken gehabt, daß sich eine Freundschaft anbahnt, die eventuell auch eine erotische Seite haben könnte?
Mutter: Zu dieser Zeit noch nicht. Ich selbst versuche, mit meinem Kind möglichst unbefangen umzugehen, und Jean-Claude erschien mir zunächst einmal wie ein Mann, der ein Herz für Kinder hat. An Erotik zwischen den beiden habe ich zu diesem Zeitpunkt keinen Gedanken verschwendet.

Frage: Hat Tobias Ihnen im weiteren Verlauf Einzelheiten von Jean-Claude oder von Begegnungen mit ihm erzählt?
Mutter: Ja, aber nicht, daß etwas Sexuelles eine Rolle spielte. Es kam in Tobias’ Erzählungen vor allem zum Ausdruck, daß er sich wohl fühlte, daß er den Mann mochte. Er erzählte, was sie zusammen unternommen hatten, wohl auch, daß sie miteinander kuschelten, und daß er sich bei Jean-Claude geborgen fühlte. Mein Mann ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen als Tobias acht Jahre alt war. Der Vater fehlte ihm sehr. In gewisser Weise konnte ich also verstehen, wenn sich mein Junge die übliche väterliche Zuneigung bei einem Ersatzvater suchte.

Frage: Hat er Ihnen im einzelnen erzählt, was er bei den Begegnungen mit Jean-Claude erlebte, über was die beiden gesprochen hatten? Hat er von sich aus erzählt oder erst auf Ihre Fragen hin geantwortet?
Mutter: Es war eher so: Wenn wir eine ruhige Stunde hatten, die habe ich mit meinem Jungen immer mal gehabt, sodaß wir alleine waren, dann fing Tobias im Gespräch oft von Jean-Claude an, wie wohl er sich bei ihm fühlt, daß ihm dieser zuhört und daß er mit ihm über alles reden kann. Unsere damalige familiäre Situation machte es notwendig, daß ich viel arbeiten mußte, um den Lebensunterhalt sicherzustellen, und da kam mein Kind teilweise sicher in einigen Belangen zu kurz. Da hat man nicht unbegrenzte Zeit, zuzuhören. Vieles tut man ja mit „Jetzt nicht, später!“ ab.

Frage: Waren Sie es gewöhnt, daß Ihr Sohn alles, was er auf dem Herzen hatte, mit Ihnen besprach, sofern Zeit dazu war, oder war dieses Mitteilungsbedürfnis etwas Neues für Sie?
Mutter: Nein, das war ich gewöhnt, das hat Tobias eigentlich immer gemacht.

Frage: Gab es in den Erzählungen Ihres Sohnes auch Dinge, die Sie stutzig gemacht haben?
Mutter: Hm, ja. Da muß ich etwas von meiner familiären Erfahrung berichten. Ich wurde als zwölfjähriges Mädchen von meinem Vater vergewaltigt. Da ist man, zumal beim einzigen Kind, zunächst mal etwas skeptisch, wenn sich ein erwachsener Mann so sehr um einen Jungen kümmert. Andererseits: Durch meine eigene negative Erfahrung mit meinem Vater habe ich natürlich genauer beobachtet und habe festgestellt, daß in der Beziehung meines Sohnes zu dem Mann überhaupt keine Alarmzeichen festzustellen waren. Es war so, daß Tobias weder verstummte und mit mir nicht mehr sprach über das, was ihn bewegte, noch wurde er irgendwie fahrig oder ließ eine Wesensveränderung erkennen. Im Gegenteil: er entwickelte sich positiv; also keine negativen Veränderungen. Und daher habe ich erst mal abgewartet. Aber eine gewisse Vorsicht meinerseits war schon da, weil ich dieses Gewalt-Denken im Kopf hatte; eine abwartende Vorsichtshaltung war also da.

Frage: Was hat sich bei Ihrem Sohn verändert?
Mutter: Zunächst einmal: Jean-Claude war der erste Mann, für den Tobias Vertrauen zeigte, anfangs freilich mit Zurückhaltung. Im Grunde war er noch in einer Abwehrhaltung, denn er mußte ja erst noch seine Rolle gegenüber diesem Ersatzvater finden. Mit Männern generell hatte er zu wenig Erfahrung, um sich seiner Gefühle sofort klar zu sein. Jean-Claude war der erste Mann, bei dem er ein inneres Vertrauen spürte, zu dem er Vertrauen faßte. Tobias war aber gefühlsmäßig gegenüber Männern so stark verunsichert, daß er, wenn er glaubte, bei Jean-Claude eine Gefühlsschwankung zu spüren und er fürchtete, der Erwachsene würde ihn ablehnen, sich dann innerlich zurückzog. Mittlerweile wußte ich, daß etwas Erotisches in der Beziehung mitspielte. Darüber hatte Tobias mit mir gesprochen. Ich habe auch nachgefragt: „Gibt es etwas, wozu er dich zwingt, oder sagt er irgendetwas, wo du das Gefühl hast, du mußt jetzt das tun, weil er dich mitnimmt oder dir sonst was Gutes tut?“ Und dann kam die eindeutige Aussage von Tobias: „Nein. Ich finde das schön, ich finde es auch schön, wenn er mich berührt, und dann ist mir richtig kuschelig.“ Ich habe dann einfach gedacht: Solange sich Tobias wohl fühlt, ist das in Ordnung, und daß es ihm gut tat, war offensichtlich. Ich habe das also so laufenlassen.

Und dann kam eine Phase, als Tobias älter wurde, mitten in der Pubertät steckte und mit sich selber nicht ganz einig war. Da hatte er eine Zeit, in der er nicht einmal ertragen konnte, wenn Jean-Claude ihn anfaßte, auch einfach nur so am Arm oder wo immer, ohne Erotik. Und dann kam eine Phase, in der er sich ganz zurückzog, auch mir gegenüber, auch Jean-Claude gegenüber, bis ich dann mal mit Tobias gesprochen habe und fragte, was eigentlich los sei.

Tobias sagte: „Das bedrückt mich, ich mag das im Augenblick nicht, ich weiß nicht, warum nicht, aber ich will jetzt keine Berührungen.“ Ich fragte ihn: „Hast du denn mal mit Jean-Claude darüber gesprochen?“ Tobias sagte: „Nein.“ Ich fragte: „Warum denn nicht?“ Er sagte: „Ich weiß selbst nicht, und ich will auch nicht ohne ihn sein, und ich fürchte, das kränkt ihn.“

Mein Sohn hatte also nicht so sehr Angst, daß sich Jean-Claude zurückziehen könnte, sondern er hatte vielmehr die Angst, seinen Freund zu kränken oder zu verletzen.

Dann sagte ich zu Tobias: „Weißt du — ihr habt so lange Zeit schon ein solches Vertrauensverhältnis zueinander, und wenn du möchtest, daß es weiterbesteht, und möchtest, daß auch Jean-Claude weiter Vertrauen zu dir hat, dann mußt du zu deinem Freund auch offen sein.“ Er hat sich dann auch ein Herz gefaßt und hat mit Jean-Claude gesprochen und kam wieder unendlich erleichtert zurück. Meiner Meinung nach hat das die Beziehung noch bestärkt.

Frage: Ihr Sohn hatte also regelrechte Angst, seinen erwachsenen Freund zu verlieren, aber auch, ihm wehzutun?
Mutter: Er hatte hauptsächlich Angst, ihm wehzutun. Das war seine stärkste Angst.

Frage: Wenn der Erwachsene an dieser Stelle, aus welchen Gründen auch immer, diese Beziehung abgebrochen hätte, hätte das Ihren Sohn tief getroffen?
Mutter: Oh ja, mit Sicherheit. Das wäre für Tobias so ziemlich das Schlimmste überhaupt gewesen.

Frage: Hatten Sie irgendwann das Gefühl, daß Ihr Sohn während der Beziehung überhaupt Angst hatte, der Erwachsene könnte die Freundschaft beenden?
Mutter: Nein, nie. Tobias hatte soviel Vertrauen in Jean-Claudes Aufrichtigkeit — nein, diese Angst hatte mein Sohn nicht. Er hatte wohl mal Angst, er könnte Jean-Claude‘s Gefühle verletzen.

Frage: Hat er Sie in die Entwicklung der Freundschaft mit Jean-Claude mit einbezogen?
Mutter: Ja, von Anfang an.

Frage: Wurden Sie denn von Jean-Claude bezüglich dieser Beziehung schon mal um Rat gefragt?
Mutter: Ja. Wenn er sich gefühlsmäßig unsicher war, ob er Tobias richtig behandelte, ob er in wichtigen Dingen, die Tobias betrafen, richtig entschied — dann ist er tatsächlich zu mir gekommen und hat mich um Rat gefragt.

Frage: Wie ging es dann weiter mit der Freundschaft zwischen Ihrem Sohn und dem erwachsenen Mann?
Mutter: Jean-Claude hat Tobias schon mal übers Wochenende zu sich eingeladen. Sie haben viel zusammen unternommen, Ausflüge gemacht, Sehenswürdigkeiten besichtigt, die Tobias interessierten. Er hat ihn mit in Urlaub genommen und vorher bei mir angefragt, ob Tobias mitdarf und ob die Reise in unsere Planung hineinpaßt. Ich habe grundsätzlich Tobias gefragt, was er unternehmen möchte, und dann kam überwiegend die Antwort, daß er mit Jean-Claude fahren will. Ich habe dem zugestimmt, obwohl ich anfangs Schwierigkeiten hatte, daß er lieber mit einem Fremden etwas unternahm als mit mir.

Frage: Waren Sie ein wenig eifersüchtig auf Jean-Claude?
Mutter: Ja, teilweise, denn ich war nach dem Tod meines Mannes ein paar Jahre lang alleinerziehend und habe mich in meiner ganzen Inbrunst nur auf mein Kind gestürzt. Daß dann ein Kind lieber was mit jemand anderem unternimmt und man selbst so sämtliche Klimmzüge dann macht — das war natürlich etwas frustrierend. Da mußte ich als Mutter erst mal damit klarkommen. Aber ich denke mir: wenn man merkt, daß sich das eigene Kind auch in der Familie positiv entwickelt, daß sich durch die Freundschaft mit diesem Anderen auch die Beziehung zur Mutter positiv verändert, dann fällt alles leichter. Hinzu kommt, daß sich die Beziehung zwischen Tobias und mir von einer reinen Mutter-Kind-Beziehung in eine mehr freundschaftliche Beziehung entwickelte, und das war sicher ein Verdienst von Jean-Claude.

Frage: Hatten Sie als Mutter auch den Wunsch, dem Erwachsenen, der so viel für Ihr Kind tut, etwas zurückzugeben, etwa durch Einladungen?
Mutter: Ich habe Jean-Claude oft eingeladen, aber nicht wegen des Wunsches, Schuld zurückzuerstatten, sondern weil ich mit der Zeit auch freundschaftliche Gefühle ihm gegenüber entwickelt habe. Zuerst war es Dankbarkeit, weil er meinem Sohn so viel gab, später aber, durch die Gespräche, wenn er Tobias zurückbrachte, oder durch seine Anteilnahme an meinen Sorgen, lernte ich ihn auch auf andere Weise schätzen.

Er war auch absolut solidarisch mit mir: Wenn es für Tobias zum Beispiel zu Hause etwas nicht gab, und mein Sohn versuchte uns dadurch gegenseitig auszuspielen, sagte Jean-Claude ganz klar zu Tobias: „Wenn du durch das, was du bei mir bekommst, deiner Mutter das Leben schwer machst, dann spreche ich nur noch mit der Mutter ab, wann du kommst.“ Jean-Claude hat immer versucht, mir auch bei der Erziehung zu helfen.

Frage: Gab es jemanden, der auf die Freundschaft zwischen Tobias und Jean-Claude eifersüchtig war?
Mutter: Während der Freundschaft zog mein damaliger Lebensgefährte und jetziger Mann zu mir in die Wohnung. Natürlich habe ich ihm von der Freundschaft von Tobias erzählt, denn es mußte ja eine Erklärung geben, warum ein fremder Mann so oft ins Haus kam. Mein Mann kam aus einem sehr konservativen Elternhaus und hatte deshalb durchaus seine Bedenken. Er sagte aber: „Wenn du das für gut hältst und meinst, diese Freundschaft hat einen guten Einfluß auf Tobias, dann habe ich damit keine Probleme.“ Aber abwartend war mein Mann anfangs trotzdem, so richtig konnte er mit der Liebesbeziehung noch nicht umgehen. Das hat sich aber im Lauf der Zeit völlig verändert, und mein Mann hegt heute tiefe freundschaftliche Gefühle zu Jean-Claude.

Frage: Wurden Sie von Jean-Claude auch einmal in dessen Wohnung eingeladen?
Mutter: Ja, des öfteren sogar. Dadurch konnte ich sehen, wie er lebt, und das hat noch mehr zu meiner Beruhigung beigetragen. Ich konnte den Gedanken verdrängen, daß sich Jean-Claude alles, was er mit Tobias unternimmt, vom Munde absparen muß — ein Gedanke, den ich aufgrund meiner eigenen finanziellen Situation schon mal hatte.

Ich empfand diese Einladungen aber vor allem als Beweis der Offenheit. Man bekommt als Mutter das Gefühl, von den Informationen nicht abgeschnitten zu sein, und das tut in einer solchen Situation recht gut.

Frage: Für eine Mutter ist es gewiß reizvoll, sich in der Wohnung des fremden Erwachsenen unauffällig umzusehen, ob ihr Sohn nicht in einer Lasterhöhle gelandet ist. Wie waren Ihre Eindrücke?
Mutter: (lacht) Nein, mit solchen Gefühlen bin ich gar nicht hingefahren, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon so viel mit Jean-Claude besprochen; außerdem hatte ich nie das Gefühl, daß er mir etwas verbirgt. Auf offene Fragen habe ich immer offene Antworten erhalten. Deswegen bin ich nicht mit der Sorge vor einer Lasterhöhle hingefahren.

Frage: Wie ging es weiter mit der Freundschaft zwischen Tobias und Jean-Claude?
Mutter: Nachdem mein Sohn signalisiert hatte, daß er zu seinem Freund etwas auf Distanz gehen wollte, sagte Jean-Claude zu ihm: „Dann komme nur noch zu mir, wenn du das Bedürfnis danach hast.“

Danach war zunächst für ein paar Wochen Ruhe, das heißt, Tobias ist nicht zu ihm gegangen. Aber bald kam der Wunsch, wieder zu seinem erwachsenen Freund zu gehen, weil er wußte, er ist in seinen Entscheidungen wirklich frei. Tobias hatte ab dieser Zeit das starke Bedürfnis, die Freundschaft zu vertiefen. Er hatte auch das starke Bedürfnis, daß Jean-Claude zu uns nach Hause kam, wenn Tobias verhindert war, übers Wochenende zu seinem Freund zu gehen. Aus dem Abstand besehen, meine ich: gerade die Offenheit zwischen den beiden hat diese Freundschaft vertieft; mehr noch: Tobias brauchte die Freundschaft stärker denn je, sozusagen wie die Luft zum Atmen.

Frage: Macht die Freundschaft eines pubertierenden Jungen zu einem Mann nicht abhängig?
Mutter: Nein, auf gar keinen Fall. Schon gar nicht, wenn die Beziehung in der Art und Weise abläuft, wie sie bei den beiden abgelaufen ist.

Frage: Besteht die Beziehung fort oder ist sie zu Ende?
Mutter: Sie besteht fort, stärker als vorher, und ich bin sicher, sie wird ein Leben lang bestehen.

Frage: Wie alt ist Ihr Sohn heute?
Mutter: Tobias ist jetzt neunzehn.

Frage: Nehmen wir einmal an, Sie hätten nicht einen Jungen, sondern ein Mädchen. Wie denken Sie darüber, wenn Sie sich vorstellen, daß Ihre Tochter zu einem Erwachsenen, also zu einem Mann oder einer Frau, eine ähnliche Freundschaft gehabt hätte oder noch haben würde?
Mutter: Positiv, sofern solche Freundschaften auf das Wesen meiner Tochter eine ebensolche positive Ausstrahlung hätten wie auf Tobias. Solange keine Gewalt mitspielt, solange es den Kindern gefällt und sie glücklich dabei sind, ist es für mich unerheblich, ob sie mit einem Mann oder mit einer Frau, mit einem 15jährigen oder einer 40jährigen zusammen sind.

Frage: Ist Jean-Claude so etwas wie der große Freund von Tobias?
Mutter: Ja, auf jeden Fall. Für Tobias ist er der beste Freund, obwohl er auch mit gleichaltrigen Jungen Freundschaften pflegt.

Aber Jean-Claude ist derjenige Freund, zu dem Tobias das größte Vertrauen und die größte Zuneigung hat.

Frage: Manche Eltern haben bisweilen die Angst, ihr Sohn könnte durch eine erotische Freundschaft mit einem Mann homosexuell werden. Wie denken Sie darüber?
Mutter: Diese Befürchtung hatte ich nie. Schließlich werden Kinder auch dann homosexuell, wenn sie keine Beziehungen mit Männern hatten.

Frage: Es hätte Sie also nicht gestört wenn Ihr Sohn eines Tages zu Ihnen gekommen wäre und gesagt hätte: „Mutti, ich bin schwul“?
Mutter: Nein, auf gar keinen Fall. Solange mein Sohn glücklich ist, könnte ich auch einen schwulen Partner akzeptieren [sic!].

Frage: Wissen die Freundinnen von Tobias von seiner Liebesbeziehung mit Jean-Claude?
Mutter: Ja. Ich habe meinem Sohn selbst dazu geraten, es ihnen nach einer gewissen Zeit zu sagen. Ich denke mir: ein Junge kann doch nicht intim und vertrauensvoll mit einem Mädchen im Bett liegen und irgendwann, wenn ein erwachsener Mann in der Familie auftaucht, leugnen, in welcher Beziehung dieser Erwachsene zu der Familie steht.

Frage: Erzählt Ihnen Ihr Sohn seine erotischen Erlebnisse mit seinen Mädchen?
**Mutter:**Na ja, nicht im Detail. Aber wenn wir beispielsweise in der Familie über Sexualität reden und mein Mann und ich auch mal intime Dinge anklingen lassen, erzählt er auch von seinen Begegnungen, und teilweise ziemlich offen. Das kommt eben auf die jeweilige Stimmung an. Tobias hat mir mal erzählt, daß er durchaus auch Lust hat, mal mit einer reifen Frau Sex zu haben. Ich denke, dieser Wunsch ist stark geprägt von der liebevollen und rücksichtsvollen Art, wie Jean-Claude mit ihm umgegangen ist. Das möchte er auch mit einer Frau erleben.

Frage: Wenn Sie auf die bisherige Freundschaft zwischen Tobias und Jean-Claude zurückblicken – was ist dann für Sie als Mutter an Positivem dabei herausgekommen?
Mutter: An erster Stelle, daß Tobias sehr selbstsicher geworden ist, daß er sich nicht überschätzt, aber doch gelernt hat, seine Kräfte richtig einzuschätzen, daß er vieles bewußter wahrnimmt, was anmanchen gleichaltrigen Jugendlichen vorbeischwimmt. Durch die Gespräche mit Jean-Claude kann er nicht nur über Beziehungen, sondern über alles Mögliche reden. Er sieht die Welt um sich herum viel bewußter, er macht sich mehr Gedanken als früher. Und er traut sich, sich selbstbewußt auch einmal gegen etwas zu entscheiden.

Er hatte früher zum Beispiel große Angst davor, ein Gymnasium zu besuchen. Obwohl seine schulischen Leistungen gut waren, hat er durch diese Selbstzweifel den Übergang zum Gymnasium verpaßt, wollte schließlich doch hin, aber die Lehrer verbauten ihm den Weg und sagten, ein Schulwechsel sei nun nicht mehr möglich. Durch die Initiative von Jean-Claude, der sich sehr bemühte und alle möglichen Stellen anschrieb, ist es gelungen, daß Tobias schließlich in einem Gymnasium angenommen wurde. Er ist in seinen Leistungen auch nicht abgefallen, da er gelernt hat, seinem Können zu vertrauen. Er hat sich dann, obwohl er hätte studieren können und wir Eltern dies gefördert hätten, mit gleichem Selbstbewußtsein für eine Berufsausbildung entschieden. Das Fazit aus dieser Beziehung zu Jean-Claude ist, daß Tobias ein selbstbewußter Mensch geworden ist, seinen Fähigkeiten vertraut, Rücksicht auf andere nimmt, und daß er sehr sensibel ist.

Frage: Wäre er das nicht auch ohne die Freundschaft zu einem Mann geworden?
Mutter: Nein, da bin ich fest davon überzeugt. Tobias war viel zu stark verunsichert durch den Verlust seines leiblichen Vaters, gerade in einer Zeit, in der er einen Vater gebraucht hätte. Und ich habe als Mutter wahrscheinlich versucht, zuviel des Guten zu tun, und habe die Zügel schleifen lassen. Dadurch ist Tobias in einen luftleeren Raum gefallen und wußte nicht mehr, wem er sich nahe fühlt.

Frage: Welche Ratschläge gibt eine Mutter, deren Sohn eine mehrjährige Liebesbeziehung zu einem Erwachsenen hatte, anderen Müttern, deren Kinder möglicherweise Gefallen an einer Freundschaft zu einem Erwachsenen finden?
Mutter: Auf jeden Fall die Freundschaft zulassen, den Kontakt zu der erwachsenen Person aufnehmen und ausbauen, auch für sich selber, damit man Sicherheit hat, daß in dieser Beziehung nichts mit Gewalt läuft. Wohl sollten Eltern solche Beziehungen sorgfältig beobachten. Wenn sie sich sicher sind, daß keine Gewalt dabei ist, sollten sie diese Beziehungen auf jeden Fall fördern, aber auch den Kontakt mit der fremden erwachsenen Person.

Frage: Glauben Sie, daß Eltern merken, ob — vielleicht nicht offene, sondern eher versteckte – Gewalt eine Rolle spielt?
Mutter: Das merkt jede Mutter, die sich um ihr Kind kümmert. Auf jeden Fall. Und zwar nicht nur körperliche, sondern auch seelische Gewalt.

Frage: Belastet es Sie, über diese Dinge zu reden?
Mutter: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil: ich denke, wenn Mütter nicht über solche Dinge reden, verschlechtern sie auch ihr Verhältnis zu ihren eigenen Kindern, die in einer solchen Beziehung leben. Das kann sehr schnell ein Verhältnis zerstören – entweder das Verhältnis der Mutter zum Kind oder umgekehrt, oder es kann das Kind kaputtmachen, weil es ständig zwischen zwei Welten steht.

Frage: Hatten Sie während der Beziehung zwischen Tobias und Jean-Claude auch erwachsene Personen, mit denen Sie sich über diese Freundschaft austauschen konnten?
Mutter: Ja, einzelne Personen. Mir selbst macht es nichts aus, über solche Dinge zu reden, aber vielen Menschen kann man es einfach nicht sagen. Mit Menschen, die vorgefaßte Meinungen haben über das, was man zu tun oder zu lassen hat, kann man nicht diskutieren, weil sie nicht bereit sind, sich zu öffnen. Mit Menschen, die etwas toleranter sind, spreche ich sehr wohl darüber.

Frage: Hatten Sie bisweilen Angst, Ihre wenig liberale Umgebung könnte von diesem Verhältnis erfahren und negativ darüber denken?
Mutter: Was die Leute denken, ist mir im Grund egal.

Frage: Da diese Beziehung auch einen sexuellen Aspekt hatte, war sie für den erwachsenen Partner Ihres Sohnes nicht ganz ungefährlich. Der Gesetzgeber verbietet die meisten solcher Liebesbeziehungen. Müßte er nach Ihrer Meinung dieses Verbot einschränken?
Mutter: Ja. Nach meiner Meinung sollten in erster Linie die Kinder befragt werden und entscheiden dürfen. Wenn die Kinder sich in solchen Beziehungen wohl fühlen und sie weder zu etwas gedrängt noch gezwungen werden, dann sollten solche Beziehungen zugelassen werden. Durch die Erkenntnis, wie sich mein eigener Sohn positiv verändert hat, wäre ich auch jederzeit bereit gewesen, den sexuellen Aspekt zu leugnen, wenn es für Jean-Claude gefährlich geworden wäre.

Frage: Können Kinder nach Ihrer Erfahrung entscheiden, ob ihnen das, was gefällt, auch gut tut?
Mutter: Ja, sehr wohl. Kinder sind sehr wohl in der Lage, zu entscheiden, was gut für sie ist. Sie können das in anderen Bereichen ja auch; warum sollen sie es im sexuellen Bereich nicht können?

Frage: Gibt es nach Ihrer Auffassung ein Mindestalter für sexuelle Beziehungen?
Mutter: (zögert) Nein – eigentlich nicht.

Frage: Das bedeutet, daß der Erwachsene große Sensibilität aufbringen muß, um den Willen des Kindes zu erkennen und zu respektieren?
Mutter: Ja sicher. Vor allem aber: Das muß sich doch aus der Beziehung selbst ergeben, sonst würde ich die Beziehung doch nie tolerieren.

Frage: Brauchen Kinder erwachsene Personen?
Mutter: Ja, auf jeden Fall.

Frage: In allen Bereichen? Auch im erotischen Bereich?
Mutter: Wenn Kinder möchten und es ihnen gut tut – ja.

Frage: Das heißt, die Kinder sollen entscheiden?
Mutter: Ja, in erster Linie sollen die Kinder entscheiden.